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Eine Kurzgeschichte

 

Der Grabstein

Das Fest in der Universitätskomisse

Professor Heinrich Ernst Kestner war der erste, der sich in der großen Fechthalle der Universitätskomisse einfand. Die Utensilien des Sports waren dekorativ an die Wände gerückt, sie hatten einer großen Festtafel Platz gemacht. Heute, am 14.05.1721, sollte der Herr Fechtmeister die Studenten nicht mit Paraden und Riposten quälen, heute wurde hier ein neues Mitglied in das Kollegium der Alma Ernestina mit einem Festakt eingeführt. Die Universität Rinteln, deren Berufungskomitee Professor Kestner angehörte, hatte einen neuen Dozenten für die Fächer Anatomie und Chirurgische Medizin berufen. Johann Hermann Fürstenau war schon vor einer Woche mit seinem gesamten Haushalt aus Herford mit der Kutsche eingetroffen. Der Professor hoffte, dass der junge Anatom die Woche genutzt hatte, sich in seinem neuen Professorenhaus einzurichten, denn eine seltene Gelegenheit stand der Universität ins Haus. Anfang der Woche sollte eine Hinrichtung stattfinden. Das Kollegium hatte die Zusage erhalten, den, zugegeben jetzt kopflosen, Leichnam zur Sektion und medizinischen Ausbildung zu erhalten. Die Studenten hatten schon fleißig den Anatomiesaal im Torhaus über dem Seetor hergerichtet und schon heute trafen die ersten Gaststudenten aus Helmstedt und Marburg ein.

Der alternde Professor inspizierte zunächst die Sitzordnung am Tisch, ob auch ja niemand vergessen worden war. Da waren die Ehrenplätze in der Mitte der Tafel für die Familie Fürstenau, zur Rechten des Doktors saß seine junge Gemahlin Sophie Eleonore und zu seiner linken die jüngere Schwester des Arztes, Modesia Helga. Mit dem Tode des Vaters hatte Johann das Sorgerecht für die Schwester übertragen bekommen. Auf der anderen Seite des Ehrenplatzes hatte der Professor zähneknirschend den neu ernannten Leutnant Wilhelm von A. neben der Tochter des Festungsgouverneurs, Sophia von Oheimb platziert. Professor Kestner war dem Militär nicht sonderlich zugetan. Die Fußsoldateska Hessen-Kassels war dem Branntwein mehr als ihnen guttat, zugetan. Kestner bewohnte ein großes Fachwerkhaus am Marktplatz, in der Nachbarschaft der Hauptwache. Vor allem zwei Individuen trieben es mit dem Saufen zu weit, weshalb sie häufig Wachsonderschichten schieben mussten: Frosch und Vögler. Wenn die beiden gemeinsam im Palisadengang vor der Wache patrouillierten, dann konnte es auf dem Platz unangenehm laut werden. Sie pöbelten auch gerne die Studenten an, die bei Professor Kestner zur Untermiete wohnten. Vielleicht brachte der neue Leutnant die Truppe wieder auf Vordermann. Neue Besen kehrten bekanntlich sehr gut. Der Professor wollte diesen Punkt heute Abend ansprechen.

Auf der linken Seite des neuen Hauptmanns aus Mittelarnsdorf im Fürstentum Brieg in Niederschlesien, saß die Gattin von Generalleutnant von Oheimb und neben ihr, ihr Mann, so wie es sich gehörte. Der Dekan und der Professor selbst hatten, als bescheidene Gastgeber, die Tischenden für sich. Der Ehrenplatz unterschied sich allerdings nur durch das Blumenbukett vom Rest des Tisches, es fiel mit den hochgesteckten zartlila Schwertlilien, schneeweißen Ranunkeln und tiefviolettem Flieder wesentlich üppiger aus, als die Sträuße mit Pfingstrosen, die die anderen Plätze schmückten. Die Schalen mit Konfekt, kandierten Südfrüchten oder Keksen waren wunderbar gleichmäßig verteilt. Hier würde es nachher keinen Anlass für Eifersüchteleien geben. Soweit der Gastgeber den Tisch gesehen hatte, war alles in Ordnung. Jetzt konnten die Gäste kommen.

Die Damen waren in festlicher Robe gewandet, eng auf Taille geschnittene farbenfrohe Kleider, mit Rüschenbesatz am tiefen Dekolleté und in üppiger Pracht an den Ärmeln. Sie hatten die Haare zu hohen Frisuren aufgesteckt und mit Blumen oder bunten Vogelfedern geschmückt. Die Herren trugen zu den weißen Strümpfen einen weit schwingenden Gehrock, nicht weniger prächtig ausgestattet als die Kleider der Damen. Die Herren, auch die Militärs, trugen eine weiß gepuderte Perücke unter dem Zweispitz. Natürlich hatten die Herren vom Regiment ihre gelbe Uniformjacke über den Strümpfen an. Das Ehepaar Fürstenau und Modesia trafen als erste ein. Professor Kestner begrüßte sie herzlich. Die Damen waren noch nicht lange der Juvenilität entronnen, sie strahlten beide die Zartheit der jungen Damen aus, wobei Professor Kestner, schon seit einem viertel Jahrhundert verheiratet, nicht umhin konnte, eine gewisse Grobknochigkeit bei der Schwester des Anatoms zu bemerken.

Kurz nach den Fürstenaus schritt der neue Leutnant forsch durch die Tür des Fechtsaals. Ein schon in Schlachten bewährter Mann, Mitte Zwanzig. Er hatte sich bis dato ganz seiner Karriere gewidmet, weshalb er noch unvermählt war. Es lag gewiss nicht an seiner hochgewachsenen, breitschultrigen Statur, weshalb er noch keine Dame geehelicht hatte. Auch Modesia konnte ihren Blick nicht so leicht von dem gutaussehenden Leutnant lösen, wie Professor Kestner schmunzelnd bemerkte. Da traf seine eigene Gattin ein, zusammen mit dem Dekan und seiner Frau und noch andere Fakultätsangehörige, sowie der Offiziersstab der Festungsstadt. Auch der Rat der Stadt Rinteln war geladen, der Bürgermeister und die Viertelmeister mit ihren Gemahlinnen kamen zu diesem gesellschaftlichen Höhepunkt im sonst eher beschaulichen Rinteln. Erst zuletzt kamen die von Oheimbs, als wären sie die Ehrengäste. Professor Kestner versagte sich ein Kopfschütteln ob dieser Ungemach, er war ganz der galante Gastgeber. Das Essen verlief prächtig, es war für jeden Geschmack etwas dabei. Flussfisch aus der Weser, Wild aus den weitläufigen Wäldern des Weserberglandes. Auch teure Importware, mit Treidelschiffen die Weser hinauf gebracht, stand auf der Speisekarte. Da gab es Käse aus Holland, Stockfisch aus Bremen, Wein aus Italien und hervorragendes Bier aus Einbeck. Die Universitätskomisse unterlag nicht der Gerichtsbarkeit der Stadt, weshalb die Importware hier ohne den gewaltigen Steueraufschlag ausgeschenkt werden durfte, sehr zum Ärger der Stadtväter, die jedoch die Gelegenheit nutzten und den importierten Speisen kräftig zusetzten. Als die Gesellschaft sich endlich satt und zufrieden in Grüppchen auflöste, konnte Professor Kestner die Gunst der Stunde nutzen und sprach den neuen Leutnant an, der mit den Fürstenaus und den von Oheimbs im Gespräch stand.

„Verzeihen Sie die Störung, ich möchte Sie gar nicht damit belästigen, doch weiß ich sonst wegen des universitären Betriebs keine Gelegenheit, Sie sonst zu sprechen. Sie sind doch wohl für die Dienstpläne zuständig, Herr Leutnant?“

„Ja, Professor Kestner. Ich wüste jedoch keinen Grund, warum es Sie interessieren sollte?“

„Der Grund ist folgender. Ich wohne am Marktplatz und bekomme sofort mit, wenn Sie über den ganzen Platz den Posten vor der Hauptwache zusammen brüllen. Da sind die beiden Filous Frosch und Vögeler, die dem Branntwein zu gut zugetan sind. Sie ärgern meine Studenten. Was gedenkt der Leutnant dagegen zu unternehmen?“

Noch bevor sich der Angesprochene zu Wort melden konnte, funkte sein Vorgesetzter fast aufgebracht dazwischen: „Nun machen Sie mal Halblang, Professor. Ihre Studenten terrorisieren meine Soldaten und auch die Stadtbevölkerung auf das Übelste. Wann gebieten Sie diesem elenden Pennalismus endlich Einhalt?“

Bevor der Professor schnaufend Luft für eine wütende Entgegnung geholt hatte, sprach der junge Leutnant: „Das ist doch bestimmt keine Unterhaltung, die den Ohren der jungen Damen zupass kommt. Ich bitte Sie, meine Herren, wahren Sie Ihre gute Haltung. Ich bin mir sehr gewiss, dass wir zu einer Lösung gelangen, die allen Parteien genehm ist. Ich habe mir schon Frosch und Vögeler zur Brust genommen. Die beiden haben mein persönliches Augenmerk, seien Sie sich dessen Gewiss. Aber wir müssen unbedingt die Spannungen zwischen der Universität und dem Militär beilegen, um des Friedens hier im sonnigen Rintelns halber. Dies hat für mich oberste Priorität, ich versichere es Ihnen.“

Der Leutnant hatte mit einer ruhigen Stimme gesprochen, die die Anwesenden in ihren Bann sog und die Streithähne ihre Aggression wenigstens für den Moment vergessen ließ. Herr Fürstenau nickte dazu: „Wohl gesprochen, junger Freund. Wenn ich einen kleinen Beitrag zum Stadtfrieden leisten darf, möchte ich vorschlagen, wir treffen uns nächsten Sonntagnachmittag bei uns zum Kuchen.“

Der Leutnant nickte, doch die Kontrahenten schüttelten den Kopf, der Professor entschuldigte sich, seine Gattin habe Geburtstag und der Gouverneur lehnte es rundweg ab, ohne Begründung. Er führte seine Gattin kurz nach diesem Gespräch nach Hause. Johann Fürstenau blickte ihm nachdenklich nach, bevor er zu dem Leutnant sagte: „Das wird nicht leicht werden. Doch ich habe Herausforderungen immer gemocht. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“

Der Leutnant nickte dazu.

 

Der Sonntagnachmittagskuchen

Leutnant von A. kam als einziger zu der freundlichen Einladung des Anatoms. Er selbst hatte mit dem frischen Leichnam mehr als genug zu tun, sodass er auch heute mit den Studenten im Anatomiesaal saß. Professor Kestner hatte sich ja schon entschuldigt und Generalleutnant von Oheimb überließ diese Sache seinem Untergebenen. Der junge Leutnant saß nun ein wenig steif in Gegenwart der Damen des Hauses Fürstenau im Salon und hielt seine Tasse mit englischem Tee wie ein Schild in der Hand. Natürlich verstand er sich vortrefflich auf höfliche Konversation, doch ging ihm alsbald der Gesprächsstoff aus. Es gelang ihm nur mühsam, Modesia anzusprechen, sie schaute immer schnell zu Boden, wenn er es tat. Doch die Dame des Hauses hatte eine charmante Art, aus Herford zu erzählen. Als es für den Leutnant nach zwei vergeblich gewarteten Stunden an der Zeit war, das Haus zu verlassen, bat Frau Fürstenau ihn, noch zu warten, bis sie vom Gatten zurück war. Jetzt wollte sie ihn selbst an seine Gastgeberqualitäten erinnern, die er so sträflich vernachlässigte. Leutnant von A. wollte noch protestieren, da war sie schon zur Tür hinaus. Jetzt war er mit dem Fräulein allein im Zimmer. Doch von der vorher gezeigten Schüchternheit war nun nicht mehr viel zu merken, sie rutschte mit ihrem Stuhl ganz nah an den Besuch heran, sodass sie über den Leib des Hauptmanns zum Tisch greifen musste. Sie holte sich ein kandiertes Apfelstück, wobei sie ihren Ausschnitt mit dem zugegeben üppigen Inhalt aufreizend am Leutnant vorbei lavieren musste. Der Soldat hatte schon so manch ein Bordell besucht und er musste anerkennen, dass Modesia es gar nicht schlecht machte. Dennoch ziemte es sich überhaupt nicht. Sie naschte demonstrativ am süßen Obst der Verführung. Leutnant von A. beugte sich ein wenig weiter von ihr weg. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn.

„Bringe ich Sie etwa in Verlegenheit?“, säuselte Modesia.

„Ehrlich gesagt ja. Noch halten wir beide einen respektierlichen Ruf in Rinteln. Das wird sich schnell ändern, wenn Sie so weitermachen.“

„Wo bleibt Ihr Schneid? Wo ist Ihr überragender Mut? Ich bin doch nur eine Frau.“

„Oh, so wie Kleopatra oder Helena von Sparta eine war. Ich kann es nicht mehr verheimlichen, ich bin mit der Tochter des Generalleutnants verlobt, weshalb ich nach Rinteln versetzt wurde. Wenn wir uns nicht zurückhalten, wird sich der Konflikt zwischen den Soldaten und den Studenten nur verschärfen.“

„Aber ich kann dabei helfen, den Stadtfrieden zu wahren!“

Wilhelm war gelinde ärgerlich, weshalb er unbedacht äußerte: „Wie denn das? Wollen Sie mit jedem...“

Modesia sog scharf die Luft ein, entrüstet meinte sie daraufhin: „So eine bin ich nicht! Ich habe Ehre in mir!“

„Dann handeln Sie endlich danach! Ich bin nicht Ihr Buhle!“

Blitzschnell änderte Modesia ihre Mimik, jetzt wieder fast schnurrend sagte sie: „Warum denn nicht? Sie wären nicht der erste, aber mit Abstand der hübscheste.“

Wilhelm stand schnell auf. Warum konnte er sich jetzt nicht mit gezücktem Säbel auf dieses Weib stürzen? Doch er schüttelte dieses Verlangen schnell ab. Nahezu unbewegt nahm er seinen Zweispitz, verbeugte sich galant und meinte: „Auf Wiedersehen, Fräulein Fürstenau. Suchen Sie besser bei den Studenten nach einem Mann für... gewisse Stunden. Ich bin nicht mehr frei.“

Er musste jetzt unbedingt an die frische Luft. Hastig verabschiedete er sich: „Ich gehe jetzt. Grüßen Sie die Hausherren, wir trinken heute Abend im Goldenen Stern einen Becher zusammen.“

Ohne die Verbeugung eilte er aus dem Haus und musste sich noch zwingen, nicht zu laufen.

 

Im Goldenen Stern

Die Gastwirtschaft an der Ecke des Marktplatzes und der Engen Straße war die älteste in der Stadt, vielleicht sogar in ganz Schaumburg. Die Einrichtung des Fachwerkhauses war gemütlich, die Bänke an den Tischen hatten sogar Sitzpolster und eine Lehne. Leutnant von A. hatte sich gleich nach dem Debakel im Professorenhaus hierher geflüchtet. Er selbst bewohnte das rote Fachwerkhaus auf der gegenüberliegenden Seite der Hauptwache. Als ob er jetzt nicht schon genug gebeutelt gewesen wäre, sah er aus dem Fenster, dass seine zwei speziellen Freunde Frosch und Vögler mit einer Flasche Branntwein zum Dienst erschienen. Seufzend bezahlte er seinen Wein, den er noch nicht einmal ausgetrunken hatte und schlenderte wie zufällig zur Hauptwache. Die Beiden versteckten die Flasche, jedoch nicht schnell genug. Der Hautmann forderte sie wortlos mit finsterem Blick. Vögeler rückte sie heraus. Es war nur noch eine Pfütze drin. Entsprechend besoffen waren die Soldaten zum Dienst angetreten. Was sollte der Leutnant nur mit den Beiden anstellen? Er konnte sie nicht hinauswerfen, aber auch nicht befördern. Weit weg von der Innenstadt sollten sie Wache schieben, vielleicht auf dem Heinekamp, die Weide der Dragonerrosse. Oder im Laufgang des Contrescarpe, jenseits der Festungsgrefte. Das war ein erheiternder Gedanke. Er beflügelte den jungen Leutnant jetzt doch zu einer Schelte, auch wenn die Filous nicht danach aussahen, in ihrem Rausch etwas zu verstehen. Das würden sie morgen bitter büßen. Das machte den Leutnant wieder ärgerlich und dann sah er jetzt auch noch den Anatom über dem Marktplatz auf sich zukommen.

 

Der Streit auf dem Marktplatz

Johann Fürstenau machte einen äußerst ärgerlichen Eindruck. Ohne auf etwaige Zuhörer zu achten, stellte er Wilhelm zur Rede: „Was hat Er meiner Schwester angetan? Ich komme nach Hause und finde sie völlig aufgelöst im Salon! Sie berichtete mir von Seiner schändlichen Tat!“

Jetzt war er ganz nahe herangekommen, stand mit seiner recht langen Nasenspitze direkt vor dem Leutnant und flüsterte sehr gepresst, aber außer sich vor Wut: „Wie konnten Sie nur, und dass obwohl Sie Gast in meinem Hause waren?“

Wilhelm zuckte zurück, hatte er sich nicht das geringste vorzuwerfen! Noch in Rage über die Verfehlungen seiner Truppe, wehrte er sich vehement, aber äußerst unbedacht: „Ich habe nichts dergleichen getan! Ich bin mit der Tochter des Kommandanten verlobt! Ich kann Ihrer Schwester noch nicht einmal etwas abgewinnen, wo sie doch neben meiner Verlobten als fahles Mauerblümchen daherkommt!“

Johann schnappte nach Luft. So eine Frechheit hatte er noch nie gehört! Diese Infamie des Hauptmanns würde bittere Konsequenzen haben. „Das wird Ihnen noch leid tun, entweder Sie ehelichen jetzt nach diesem Übergriff Modesia oder ich fordere Sie zum Duell!“

Wilhelm schüttelte den Kopf. Er hatte sich mittlerweile zusammengerissen, als er merkte, wie viel auf dem Spiel stand, die Anschuldigung einer Vergewaltigung einer wohlhabenden Bürgerstochter konnte nicht nur seinen Ruf ruinieren, sondern auch seine Karriere, vor allem, wenn er dem Arzt seinen Wunsch nach Satisfaktion nachgab. „Sagen Sie das bitte nicht. Ich habe Ihrer Schwester kein Haar gekrümmt. Sie war es, die sich mir aufdrängte. Ich bin mir keiner Schuld bewusst! Ihr Beruf ist das Retten des Menschenlebens. Mein Beruf ist es, das Menschenleben zu nehmen, dafür wurde ich seit frühester Jugend trainiert. Auf dem Feld der Ehre werde ich Sie töten. Das können wir uns beide nicht erlauben! Was wird aus Ihrer Frau Gemahlin? Was wird aus Ihrer Schwester, wenn Ihr gutes Einkommen wegfällt? Ich bitte Sie, nehmen Sie endlich wieder Vernunft an und befragen Sie Ihre Schwester eindringlich nach meinem angeblichen Übergriff!“

Johann schnaufte und stierte seinem Gegenüber immer noch sehr wütend in die Augen. Es half jedoch nicht gegen die Logik in den Worten des Hauptmanns, für die der Anatom empfänglich war. Er senkte als erster den Blick. „Ja, Sie haben Recht. Ich habe eine große Verantwortung. Auch meinen Studenten gegenüber. Aber Sie werden sich öffentlich bei meiner Schwester entschuldigen!“

Halsstarrig runzelte Wilhelm die Stirn: „Wofür denn, bitteschön?“

Johann schnappte noch einmal nach Luft: „Für das fahle Mauerblümchen natürlich, Sie Hornochse!“

„Herr Fürstenau, bitte, noch so ein Ausbruch und ich muss Sie fordern!“

Johann Fürstenau kniff den Mund zusammen, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte einfach davon.

 

Im Quartier

Natürlich war man als Leutnant, der für die komplette Organisation der Festungsgarnison zuständig war, niemals außer Dienst. Sogar sein Quartier lag der Hauptwache gegenüber, sodass er einen Blick auf die Vorgänge dort hatte. Nach dem bitteren Vorfall auf dem Marktplatz musste er sich wieder beruhigen. Dazu wollte er niemanden sehen, das ging am Besten in der Abgeschiedenheit seiner Badewanne. Er schleuderte die Stiefel in die Ecke, ließ die gelbe Jacke einfach auf den Boden fallen und rief nach seiner Ordonnanz.

Kaum hatte sich Wilhelm in das warme Wasser sinken lassen, als die Türe wieder aufging. Wilhelm fauchte in diese Richtung: „Ich habe doch gesagt, keine Störung! Will er etwa Posten auf der Ruine schieben?“

Eine weibliche Stimme antwortete: „Nein, will sie ganz gewiss nicht. Ich habe deinen Burschen bestochen. Er besorgt uns eine Zitronentarte vom Zuckerbäcker. Ich habe gehört, du hattest Ärger, mein Lieber?“

Sophia von Oheimb war in sein Badezimmer getreten und brachte mehr als einen Hauch des nahen Sommers mit sich. Sie war in eine rosa Seidenwolke gehüllt, so fluffig umschmeichelte ihre Robe ihren sinnlichen Körper. Sie beugte ihr schmales Gesicht mit den fast hypnotisch anmutenden braunen Augen zu Wilhelm hinab und küsste ihren Verlobten auf die feuchte Stirn. Als sie sich über seinen Nacken beugte, um seine Muskeln zu massieren, brachte sie mit ihrem erlesenen Parfüm einen Hauch des frühen Sommers in die dunstgeschwängerte Atmosphäre. Wilhelm stöhnte, auch dass noch! Er wollte doch bis zur Hochzeitsnacht warten. Der Bursche brachte die Zitronentarte und verabschiedete sich hastig, als er den Blick seines Hauptmanns bemerkte. Sophie spießte ein Stück dieser Köstlichkeit auf die Kuchengabel und schob sie sich in den sinnlichen Mund. Genüsslich schloss sie die Augen, als sie den Kuchen probierte. Diese süßen Verlockungen waren zu viel für Wilhelm. Schließlich war er auch nur ein Mann.

 

Heinekamp, Ende Mai

In den nächsten Tagen verschlechterte sich nicht nur das Wetter. Die Gewitter zogen die Weser herauf und verdunkelten tagelang den Himmel. Der Leutnant hatte seine Drohung wahr gemacht und die größten Saufsünder unter seinem Kommando mussten jetzt auf dem Heinekamp die Pferde des Korps bewachen. Im Gewitterhagel war die offene Wiese mit den wenigen Weiden am Ufer der Weser natürlich keine angenehme Position. Frosch und sein Freund Vögler hatten es mit wilden Diensttauschereien so einrichten können, dass sie wenigstens zusammen unter dem offenen Verschlag saßen. Der Leutnant hatte es verboten, aber hier kam er sowieso nicht heraus, um den Diensteifer seiner Untergebenen zu kontrollieren. Jetzt, kurz vor dem Monatsende, ging ihnen das Geld für Nachschub aus. Die letzte Flasche Branntwein hatten sie gestern schon gemeinsam geleert, jetzt saßen sie auf dem Trockenen. Die Stimmung war dadurch sehr gereizt und der Hagel, der unablässig auf das Holzdach pochte, machte ihre Kopfschmerzen nicht grade weniger. „Verdammter Leutnant“, knurrte Frosch.

„Ja, verdammt soll er sein“, stimmte Vögler mit ein.

So ging das eine ganze Weile hin und her, bis der Hagel so plötzlich aufhörte, dass die Stille ihnen fast unheimlich war. Eine freundliche Stimme sprach sie so leise aus der Dunkelheit an, dass Frosch und Vögeler sie unmöglich zuordnen konnten: „Heda, ihr zwei Helden. Wollt ihr euch nicht einen Schluck mit mir genehmigen?“

Eine Flasche Branntwein wurde in den schwachen Lichtkreis der Laterne unter dem Dach gehalten. Die Pferde blieben völlig gelassen, weshalb Frosch sein gezücktes Bajonett wieder sinken ließ. „Klar doch! Sag ich nicht nein! Was verschafft uns die Ehre?“

„Nennt mich Menschenfreund.“

Jetzt blieb es eine ganze Weile sehr still in dem Winkel, aus der die Stimme erklungen war. Schließlich stand Frosch auf und schaute nach. Nur eine einsame Flasche stand voll und verheißungsreich neben dem Pfosten des Verschlags.

 

Der Prinzenhof, Anfang Juni

Sophia ordnete noch einmal die Servietten auf den Kuchentellern und zupfte eine braune Blüte aus dem Gesteck mit Pfingstrosen und Ranunkeln. Ihr Wilhelm hätte es bestimmt nicht bemerkt, so etwas sehen Männer halt nicht. Doch sie störte es und weil sie so ungeheuer nervös war, musste das braune Blättchen einfach weg. Es war sonst nicht ihre Art, nervös in der Stube umher zu laufen. Doch ihre Situation hatte sich geändert. Sie hatte sich mit ihrer Mutter beratschlagt und die hatte versprochen, dem Vater die Tatsachen so schonend wie möglich beizubringen. Jetzt erwarteten sie den Leutnant zum Tee, um mit ihm die letzten Details zu besprechen. Vielleicht auch, so ganz nebenbei zu bemerken, dass ihre Tändeleien in der Badewanne nicht ohne Konsequenzen geblieben war. Die Hochzeit sollte möglichst stattfinden, bevor jeder über Sophias Bauch anfing zu spekulieren.

Wilhelm kam natürlich wie immer wie aus dem Ei gepellt und begrüßte Sophia mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange. Ohne Umschweife, wie ihr Vater nun mal war, fragte er grade heraus, ob der Leutnant noch in diesem Monat seine Tochter heiraten wolle. Wilhelm zuckte fast zurück, doch er strahlte über das ganze Gesicht, als er nickte und erwiderte: „Die Männer mosern über die vielen Neuerungen und die zusätzliche Wache. Ein Fest wird sie wieder versöhnlich stimmen, von der Warte ist es schon sehr gut. Aber warum sonst die Eile?“, konnte er sich die Frage nicht verkneifen. Er führte grade eine Gabel voll mit Rührkuchen zum Mund, doch die schweigsame Gesellschaft ließ ihn innehalten. Sophia hielt ihren Blick auf die Serviette gerichtet. Das war sonst überhaupt nicht ihre Art, sie war so forsch wie ihr Vater. Die Mutter war da eher die Schüchterne, auch sie sah Wilhelm nicht in die Augen. Der Generalleutnant brummte vor sich hin, dann verstand Wilhelm seine Worte. Doch er fragte vorsichtshalber noch einmal nach: „Wie war das? Ich werde Vater? Ist dass denn... so schnell nach... gewiss?“

Sophia nickte nun doch: „Die Hebamme war da. Es ist noch sehr unsicher, aber die Zeichen sind unmissverständlich.“

Wilhelm wurde es heiß und kalt auf einmal, er wusste gar nicht, was er jetzt sagen oder wie er sich verhalten sollte. Es kam ihn so vor, als sei eine Ewigkeit verstrichen, doch noch immer weilte das Stück Topfkuchen auf seiner Gabel kurz vor seinem weit geöffneten Mund. Er sammelte sich, versuchte ein Lächeln, brachte aber keinen einzigen sinnvollen Gedanken zusammen. Sophia rettete die Situation, indem sie ihren Vater bat: „Ich glaube mein guter Verlobter braucht einen ordentlichen Schluck aus deiner speziellen Flasche, Vater.“

Der Generalleutnant nickte, holte die Flasche hervor und flößte seinem Schwiegersohn etwas davon ein. Noch bevor Wilhelm nach der Hustenattacke wieder zu Atem gekommen war, meinte seine zukünftige Schwiegermutter: „Der Parkhof steht zum Verkauf. Den wollen wir euch zur Hochzeit schenken. Sollen wir den Vertrag aufsetzten?“

Danach kamen noch mehr Details und Arrangements zur Sprache. Der Leutnant nickte alles einfach ab.

Wieder in seinem Quartier fiel ihm ein, dass er seinen Vorgesetzten wegen der zunehmenden Unruhe unter den Soldaten hatte sprechen wollen.

 

Der Hochzeitseklat

In der nächsten Zeit bekam der junge Leutnant kaum mehr Gelegenheit für ein Schäferstündchen mit Sophia. Seine Untergebenen berichteten ihm zunächst widerwillig, dann mit wachsendem Ernst von den Munkeleien in den Soldatenkneipen, wie dem goldenen Stern. Die Fussoldateska murrte über den Dienstplan, den der Leutnant aufgestellt hatte. Sie fanden immer mehr, zum Teil fadenscheinige Gründe, um zu meckern. Alle Offiziere wurden angewiesen, diesen Vorfällen besondere Aufmerksamkeit zu schenken und sie, wenn es dazu kam, im Keim zu ersticken. So war der junge Leutnant jedoch allabendlich unterwegs. Er konnte die Festlichkeiten seiner Hochzeit kaum erwarten, denn er rechnete damit, dass selbst die schwärzten Stänkerer nach dem üppigen Festmahl ruhe gaben. Die Familie von Oheimb war ungeheuer vermögend, wurde in ganz Hessisch-Schaumburg nur noch von den von Münchhausens übertroffen. Da ließen sie ihr einziges Kind nicht ohne ein riesig großes Fest in die Hände ihres Ehemannes.

Familie Oheimb konnte sich mit dem Generalstab der Festung nur nicht wirklich darauf einigen, welche Kirche man für die Feierlichkeiten wählte. Die von Oheimbs wollten als echte Rintelner in ihrer Marktkirche Stankt Nikolai feiern und der lutherische Ehemann hatte überhaupt nichts dagegen, aber die meisten Offiziere waren reformierten Glaubens und gingen in die alte Klosterkirche Sankt Jakobi. Um Frieden unter den Soldaten zu stiften, einigte man sich zu guter Letzt auf die reformierte Kirche neben der Universität.

Wilhelm war noch nie zuvor in einer reformierten Kirche gewesen. Am Tag vor seiner Hochzeit wollte er sie denn aber doch noch einmal inspizieren, um keine unangenehmen Überraschungen zu erleben. Bei der ersten Begehung empfand er Sankt Jakobi allerdings als sehr angenehm. Bunte Wandfresken und geschnitzte Bänke aus braunrotem Holz zierten die kleine Kirche. Er hatte seinen Burschen mitgenommen, der ihn in seine Kirche zeigen sollte. Der Bursche schüttelte den Kopf, als er auf die bunte Decke zeigte. „So ein Frevel. Das soll demnächst überweißt werden. Die Bänke müssen noch ein paar Jahre halten. Aber die werden auch noch ausgetauscht. Der Altartisch ist ja schon ganz in Ordnung. Ich habe gehört, dass der Herr Generalleutnant von Oheimb mit seiner Hochzeitsspende die Farbe finanziert. Sehr großzügig von ihm.“

„Warum soll die wundervolle Schöpfungszeremonie denn verschwinden? Ist dass denn notwendig?“

„Ja. Ihr Evangelen haltet euch schon für puristisch, wir halten euch für halbe Katholen. Nichts für ungut.“ Der Bursche hob abwehrend die Hände. „Die Kirche stand leer, als wir sie zugesprochen bekommen haben. Sie soll eine Zisterzienserkapelle gewesen sein. Deshalb hat sie keinen Turm, nur den Dachaufreiter. Das kommt uns schon sehr gelegen. Dann kam die Reformation und das Kloster wurde aufgelöst. Die Gebäude, die Ländereien und die vielen Rechte an der Mühle und der Weserfischerei gingen an die Universität, um sie zu finanzieren. Aber die Kirche stand leer, bis wir Reformierten sie zugesprochen bekamen. So ist dass mit Sankt Jakobi. Keine Blumen auf dem Altar, oder gar eine Tischdecke, nur die Kerzen und das Buch. So wollen wir es.“

Wilhelm zuckte mit den Schultern. Es war ihm recht, er blieb aber doch lieber in der Nikolaikirche mit der wundervollen Armenbibel und der bombastischen Orgel. Sie würden die Hochzeit eben erst nach der Predigt mit Blumen feiern.

Am nächsten Morgen fühlte sich Leutnant von A. ungewohnt erregt. Sein Bursche musste es ertragen, dass sein Herr ihn wegen jeder Kleinigkeit zur Schnecke machte. Dieser ertrug es stoisch. Als es Zeit wurde, zur Kirche zu gehen, versagtem dem sonst so tapferen Soldaten die Beine. Der Bursche musste seinem Herrn erst aufhelfen und dann aufmuntern. Er flüsterte seinem Herrn ins Ohr, dass er heute Morgen der tapferste Rintelner sei, wenn er jetzt die Freiherrin von Oheimb zur Frau nähme und das der Herr Generalleutnant ihm dafür einen großen Orden spendieren würde. Wilhelm wusste, dass er keinen Orden bekäme, aber er würde die Karriereleiter die nächste Stufe nach oben klettern. Ihm stand eine glänzende Zukunft bevor. Wilhelm machte sich Mut, er hatte doch schon in weitaus brenzligeren Situationen gesteckt. Dabei hatte er nur keine Zuschauer gehabt. Sie erreichten die Kirche mit dem letzten Glockenschlag und betraten sie genau zur rechten Zeit, als die Musik einsetzte. Sophia schritt von hinten aus der Sakristei auf den Altar zu und Wilhelm kam von der Seitentür, durch die er noch widerstrebend von seinem Burschen geschoben wurde. Doch als er Sophia ansichtig wurde, vergaß Wilhelm die Ungemach der letzten Stunden. Sie war einfach atemberaubend. Ihr weißes Kleid schien nur aus kostbarer Spitze zu bestehen, es umhüllte sie wie eine Wolke. Die dunklen Haare, anders als üblich nicht aufgetürmt, sondern zu einer kunstvollen Matte geflochten, ganz ohne sonstige Ziererei, bildeten einen wundervollen Kontrast zum Kleid. Sie war wunderschön und es wert, den Rücken zu richten und sie würdig am Altar in Empfang zu nehmen.

Der Pastor, allerdings der eigene von der Nikolaikirche, soweit hatten sich die Evangelikalen gegen die Reformierten durchgesetzt, empfing sie mit einem Lächeln. Doch noch bevor er zu der Begrüßung der Gemeinde ansetzen konnte, schwang theatralisch die Kirchentür auf und eine Furie stürmte die Jakobikirche. Sie kreischte ein: „Nein! Ich verbiete diese Hochzeit!“

Es war Modesia Fürstenau, die mit wehenden Haaren hereingestürmt kam. Sie zeigte auf den Leutnant, den sei nun beschuldigte: „Er hat mir die Ehe versprochen! Er hat mich geschwängert! Wenn er mich schon nicht zur Frau nimmt, dann auch diese Schlampe da nicht! Ich bin es, die dort an seiner Seite stehen müsste!“

Ein empörtes Raunen ging durch die Reihen der geladenen Gäste. Wilhelm wurde es plötzlich ganz heiß. Er wollte etwas sagen, doch konnte er nur mit einem Kopfschütteln protestieren. Was erlaubte sich diese Infame Frauenperson denn noch alles! Das war absolut lächerlich. Der Schwiegervater, als ranghöchster anwesender Offizier und natürlich als Gastgeber, schritt zwischen die Furie und seiner Familie. Mit seiner donnernden Befehlsstimme verlangte er: „Was redet Sie da für wirres Zeug! Der Leutnant ist schon seit seiner frühesten Jugendzeit mit meiner Sophia verlobt! Sein Herr Vater, möge er im Himmel für seine Tapferkeit belohnt werden, hat ihn meiner Obhut anvertraut! Wie kann Sie, die Sie ihn doch erst seit einem Monat kennt, für sich selbst beanspruchen! Welch unverschämte Weise, so in der Öffentlichkeit mit der Buhlschaft zu prahlen! Bursche! Bringe Er sie zurück zu dem Bruder, sonst werfe ich sie höchstselbst in den weißen Turm, auf dass sie uns nicht weiter störe!“

Wilhelms Bursche konnte die aufgebrachte Frau jedoch nicht alleine bändigen. Er brauchte die Hilfe zweier seiner Kameraden. Modesias Bruder war überhaupt nicht erfreut, als er von der Tat seiner Schwester erfuhr. Er ordnete sogleich einen längeren Stubenarrest für Modesia an. Doch diese hatte noch ganz andere Pläne. In dieser Nacht, in der die Garnison die Hochzeit feierte und nur ausgemachte Querköpfe zum Dienst eingeteilt waren, schlich sie sich wieder zu ihren guten Freunden Frosch und Vögler. Sie hatte eine Flasche Branntwein dabei.

 

Unruhe

Die große Feier zu Ehren des Hauptmanns hatte die Soldaten wieder versöhnlich gestimmt. Unter ihnen kehrte alsbald wieder die gewohnte Ruhe ein. Die Studenten hatten jedoch von dem Eklat der Schwester ihres sehr geschätzten Lehrers gehört. Und da niemand der Kommilitonen eingeladen war, kursierten bald die wildesten Gerüchte um die vermeintliche Gewalttat, derer Modesia zum Opfer gefallen sein sollte. Jetzt rumorte es in der Universitätskomisse. Dazu kam noch das scheußliche Essen, das der untaugliche Koch zubereitete. Ziegenbraten konnte man wirklich nur essen, wenn er von fähigen Händen zubereitet wurde. Die angehenden Ärzte sahen natürlich, dass Modesia zunehmend kugeliger wurde und schlossen daraus auf eine Schwangerschaft. Das gab den Gerüchten neue Nahrung. Die Soldaten setzten den höhnenden Studenten immer die nackte Gewaltdrohung entgegen, wenn sie aufeinandertrafen. Natürlich waren Duelle streng verboten, doch so manch eine Beleidigung wurde im Nebelgrauen auf dem Heinekamp mit dem Degen beigelegt und sie häuften sich. Frosch und Vögeler, die sich in dem Pferdeverschlag auf der Angerweide schon häuslich eingerichtet hatten, kamen ständig in den Genuss, als Zeugen zu fungieren.

Dabei wetterten sie ab und zu gegen den Leutnant. Meistens wurden sie von den Studenten unterstützt und zum Anfang des neuen Jahres 1722 hatten sie fast alle Fußsoldaten auf ihre verschrobene Seite gezogen.

 

Neujahrsmorgen im Hause Fürstenau

Johann Fürstenau hatte in dieser heiklen Zeit kein Gehör für die Nöte seiner Studenten. Die Schwangerschaft seiner Schwester verlief nicht friedlich, grade im letzten Trimenon war sie ständig gereizt. Sie litt unter starkem Erbrechen. Johann ordnete Bettruhe an. Das führte zu einer Thrombose, die eine ihrer Besenreitervenen verschloss. Sterbendes Gewebe verursacht brüllende Schmerzen. Johann entschloss sich, die mittlerweile schwarz gewordene Stelle zu operieren. Doch noch bevor er seine Schwester auf seinen Behandlungstisch legen konnte, begann ihre Niederkunft. Modesia brachte gemeinsam mit Johann und der Hebamme eine Tochter zur Welt. Die Hebamme strahlte Johann an, als er das zarte Bündel in seinen Armen in der Welt willkommen hieß. Sie meinte: „Was für eine stramme Fürstenau. Und vollkommen entwickelt. Sie hatten den Geburtstermin doch erst für den 5. im kommenden Monat vorausgerechnet, Herr Doktor?“

Der Arzt nickte. Das hatte er, weil er den unheilvollen Sonntag im Mai zugrunde gelegt hatte. Er hatte seiner Schwester den Übergriff des Hauptmanns geglaubt. Doch nun sah er alle Reifezeichen an der kleinen Nichte, das hieß, die war ganz gewiss nicht einen Monat zu früh. Das wiederum hieß, Modesia war nicht von dem Leutnant entehrt worden, sie hatte sich schon vor ihrer Ankunft in Rinteln, in Herford auf ein Schäferstündchen eingelassen. Er hatte dem Soldaten die ganze Zeit Unrecht zugetraut und es auch nach Außen getragen. Jetzt schämte er sich deswegen. Eine Entschuldigung war angebracht, auch wenn sie bestimmt nicht ausreichte, um den erlittenen Schaden wieder gut zu machen. Aber erst musste er Modesia operieren. Oder einer seiner Studenten musste es, unter seiner Anleitung.

 

Auch im Hause des Hauptmanns stand die Niederkunft der Hausherrin bevor. Sie hatte jedoch noch zwei Monate Zeit, wenn Johann Fürstenau richtig gerechnet hatte. Dabei war sie so kugelrund, dass es auch möglich war, dass sie schon nächsten Monat ihr Kind zur Welt brachte. Überrascht aber ausgesucht höflich baten die von Oheimbs den Gelerhten in ihr neues Heim. Das Hauptgebäude des Parkhofes war frisch renoviert, die zwei geplanten Seitenflügel sollten im Verlauf dieses Jahres fertig gestellt werden. Sie boten ihrem Gast natürlich ein Glas Himbeerlikör an, den die Haushälterin herzustellen vermochte. In seiner Befangenheit nahm der Arzt die Einladung an, bevor er ausgesucht höflich um Entschuldigung bat. Wilhelm schlug dem Arzt freundschaftlich auf die Schulter, als er freudestrahlend die Entschuldigung annahm. Jetzt endlich konnten sie gemeinsam das Blatt wenden und die besorgniserregende Zunahme an Duellen unterbinden. Wilhelm hatte auch schon eine Idee, wie es zu bewerkstelligen war. Auch wenn die Einweihung des Festungswalls erst 44 und nicht 50 Jahre zurück lag, wollte er diese Schnapszahl zugunsten eines gemeinsamen Festaktes im frühen Sommer nutzen. Die gesamte Einwohnerschaft Rintelns sollte dazu beitragen. Der Arzt nickte immer begeisterter, je mehr er von den Plänen des Hauptmanns erfuhr.

 

Rinteln, im Juni 1722

Es war ein wunderschöner Frühsommermorgen, als der frisch gebackene Hauptmann seine Soldaten auf der anderen Weserseite Aufstellung nehmen ließ. Sie wollten über die Weserbrücke durch das festlich geschmückte Wesertor, in die Weserstraße einmarschieren. Nach der reifen Leistung, die Studenten, die Soldaten und die Stadtbevölkerung zur Zusammenarbeit zu bewegen, sollte der Hauptmann heute auf dem Marktplatz eine offizielle Belobigung und den Ausruf seiner Beförderung erhalten. Um die Veranstaltung nicht durch unschöne Bemerkungen oder besoffene Rangeleien zu stören, hatte der Hauptmann seine beiden besonderen Filous Frosch und Vögeler wieder auf den Heinekamp verbannt. Die anderen Ausreißer hatten sich glücklicherweise wieder dem Dienstherrn gefügt und tranken nur noch außerhalb der Wachzeiten.

Das Musikkorps nahm die Instrumente hoch, der Tambourmajor hob seinen Taktstock, Hauptmann von A. nickte allen freundlich zu, dann drehte er sich um und führte seine Mannschaft im perfekten Gleichschritt über die Brücke. Er konnte schon die Menschenmassen sehen, die ihren Parademarsch die Weserstraße hinunter begleiten würden. Sie jubelten, alle sahen festlich gekleidet aus. Die Weserbrücke zierte ein Tympanon mit den hessischen Löwen zu den Seiten und dem Wappen in der Mitte. Es war unter den Soldaten üblich, mit dem gezückten Säbel das Wappen und damit die Landeshoheit zu grüßen, wenn man unter dem Tor hindurch schritt. Wenn es im normalen Tagesgeschäft ein wenig eingeschlafen war, so wurde es in dieser absolut Perfekten Formation regelrecht zelebriert. Der Hauptmann hieß seine Truppe stehen zu bleiben und zog sirrend seinen Säbel, um die Begrüßungsbewegung auszuführen.

Da löste sich der rechte Steinlöwe aus der Verankerung und begrub den Hauptmann unter sich. Die Menge schrie auf, große Unruhe erfasste die ersten Umstehenden. Vom Wesertor entfernten sich eilig zwei Gestalten, niemand achtete besonders auf sie, bis sie dem Burschen des Hauptmanns auffielen. Er legte seine Muskete an und schoss die geladene Kugel auf die Flüchtenden ab. Einer der Flüchtigen fiel, der andere rannte indes weiter. Der Schuss löste jedoch eine Kettenreaktion aus. Die Soldaten nahmen, wie tausendmal in ihrer Ausbildung geübt, sogleich Gefechtsformation mit gezückten Waffen ein, die sie in Ermangelung geeigneter Ziele auf die Zivilisten auf der Weserstraße richteten. Die ersten Menschen versuchten zu fliehen. Jemand fiel, schrie vor Schmerz auf, ein anderer stolperte über den am Boden liegenden Menschen, brachte die nächsten zu Fall. Immer mehr Schreie gellten jetzt auf, Panik setzte sich wie ein Krankheitserreger vom Wesertor zum Marktplatz fort. Ein besonders weitsichtiger Leutnant stellte sich vor die Soldaten auf der Weserbrücke und befahl mit eiserner Stimme, die Waffen herunter zu nehmen, sodass wenigstens niemand durch einen Schuss zu Schaden kam.

Die Bilanz dieses Tages war jedoch schrecklich genug. In der Panik hatten sich fast hundert Menschen zum Teil starke Verletzungen zugezogen. Die Professoren und die hervorragend ausgestattete Universitätsapotheke konnten die Verletzungen kurieren, dennoch starben zwei Menschen, unter ihnen Vögler, an der Kugel aus der Muskete des Burschen. Der Hauptmann hatte den Anschlag überlebt, kam jedoch erst Monate danach wieder zu sich. Da er über eine eiserne Kondition verfügte, lebte er noch bis 1748, bevor er schließlich an den Spätfolgen dieses Tages verschied.

In den folgenden Tagen war man in Rinteln zu entsetzt, um das öffentliche Leben auf dem Marktplatz und den Kneipen zu besuchen. Doch mit der Zeit verhärteten sich die Fronten der Soldaten gegen die Studenten, man beschuldigte sich gegenseitig, die Panik ausgelöst zu haben.

 

Ermittlungen

Der Festungskommandant wollte die Ermittlungen in dieser entsetzlichen Geschichte nicht den Stadtnachtwächtern überlassen, die sonst dafür zuständig waren, für Ordnung in der Stadt zu sorgen. Da Angehörige des Militärs nicht nur zu Schaden gekommen waren, sondern Augenscheinlich der Auslöser gewesen waren, übernahm er höchstselbst den Vorsitz der Ermittlungen. Schnell wurde auch Frosch, der sich mit einem Dragonerross in Richtung Hannover absetzten wollte, geschnappt. In den folgenden Verhören gestand er, mit seinem Freund geplant zu haben, den Hauptmann zu schädigen. Das hatte ihnen der nächtliche Besucher eingeredet, der den unbelehrbaren Säufern immer zum Monatsende eine Flasche Branntwein spendiert hatte. Generalleutnant von Oheimbs Ermittlungen, wer dieser Besucher gewesen war, führte ihn in den Goldenen Stern. Dort wurde ihm bestätigt, dass immer am Monatsende Frau Modesia Fürstenau eine Flasche Branntwein gekauft hatte. Sie gestand den Kauf der Flasche, wurde aber erst bei einer Gegenüberstellung auf der nächtlichen Angerweide von Frosch erkannt. Jetzt legte sie ein Geständnis ab, dass sie umgehend in den weißen Turm, dem Lochgefängnis Rintelns brachte.

 

Unruhen

Die Überführung der Übeltäter konnten jedoch nicht die Unruhen in der Stadt lindern. Johann Fürstenau, als Bruder der Hauptsünderin, fühlte sich dafür verantwortlich, die Wogen wieder zu glätten. Er lud noch einmal Professor Kestner und Generalleutnant von Oheimb zu einem Gespräch zu sich nach Hause. Diesmal kamen beide.

Weil die unselige Geschichte jetzt so sehr aus dem Ruder gelaufen war, mussten sie drastische Maßnahmen beschließen. Als erstes stellte der Soldat den rechten Flügel des Parkhofes als Studenten- und Soldatenkneipe zur Verfügung, damit sich die Parteien auf einem möglichst neutralen Terrain beschnuppern konnten. Keiner der Anwesenden wollte mehr Öl ins Feuer der Unruhen gießen, deshalb wollten sie die Ursache der Panik unter den Teppich kehren. Dazu gehörte, dass Modesia Fürstenau wieder aus dem weißen Turm entlassen wurde, um sie in die Verbannung nach Herford zu schicken. Aber auch, dass der Name des Hauptmanns aus den Annalen gestrichen werden würde, da dieser wie ein blutroter Faden mit der Geschichte verwoben war.

Schweren Herzens, vor allem, weil seine Soldaten den Hauptanteil an der Schuld hatten, nickte von Oheimb dazu. Er erklärte seine Tochter für geschieden, damit sein Enkelsohn mit dem richtigen Familiennamen das Erbe seines Großvaters antreten konnte.

 

1748

Sophia hatte für ihren verstorbenen Exgatten einen Grabstein aus Obernkirchner Sandstein in Auftrag gegeben. Sie hatte nie aufgehört, Wilhelm zu lieben, doch als Frau wurde sie in diesen politischen Dingen nicht um ihre Meinung gefragt. Also schwieg sie, pflegte ihn und erzog ihren Sohn. Doch jetzt wollte sie ihm mit dem Stein ein Denkmal setzten. Deshalb wurde nicht nur das Familienwappen aus dem Stein heraus gehauen, sondern sie selbst textete den Spruch, den die Steinmetze in die Grabplatte meißelten:

 

Hier ruhen die Gebeine des .... (g)ebornenen Herrn .... Wilhelm von .... von und zu A(....)NKLINGEN

Gewesen königlich schwedisch und hochfürstlich hessisch Hauptmanns

Bei dem löbl. Clementischen Regiment

Welcher geboren zu Mittelarnsdorf im Fürstentum Brieg in Niederschlesien

Den 14. August 1697

Gestorben zu Rinteln, den 2. Juni 1748

 

Hier folgt das Wappen

 

Der Anfang unseres Lebens

Der Fortgang wird vergebens

Das Mittel heget Qualen

Die Rechnung kann nicht fehlen

 

Beruht auf Unverstand

Und unnütz angewandt

Das Ende Müh und Not

Das Fazit ist der Tod

 

Lass werter Leser dies stets vor Augen schweben

Der Tod ist dir gewiss denke auf ein besseres Leben

 

Doch selbst diese letzte Ehrung wurde Wilhelm wieder genommen, sein Name wurde gelöscht, das Wappen zerstört.